Heimatverein Chemnitz-Reichenhain

Besuch der Christuskirche zu Reichenhain
Laßt die Kirche im Dorf - nach dieser schönen alten deutschen Redewendung handelte der Vorstand des Heimatvereins und beschloß, die nächste Veranstaltung der Kirche im Zentrum des Stadtteils zu widmen. Am Samstag, dem 8. Oktober 2005, waren alle an praktischer Heimatgeschichte und an ihrem Wohnumfeld interessierten Reichenhainer eingeladen, anläßlich der diesjährigen Kirmes einen Blick in das Innere der einstigen Dorfkirche zu werfen und sich mit ihrer Geschichte vertraut zu machen.
Das Wort ergriff Herr Pfarrer Karl-Heinz Kleve, der hier jahrelang seelsorgerisch gewirkt hatte, und gab einen Überblick über das mehr als 500jährige Bestehen des Hauses. Dabei wurde vorausgesetzt, dass ein sehr altes, ein noch viel älteres Kirchlein oder eine vielleicht hölzerne Kapelle an jener Stelle bestanden haben muß, wo heute sich die Christuskirche erhebt, denn schon im Jahr 1346 soll ein Kirchspiel "Reichenhayn" bestanden haben, wie es in einem alten Verzeichnis des Meißner Bistums nachzulesen ist. Der heutige Kirchenbau stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts, wobei an seiner Südseite noch ältere Vorhangbogenfenster, wahrscheinlich aus dem Vorgängerbau, erhalten sind.
Pfarrer Kleve wies auch auf die wertvollen Kostbarkeiten im Innern der Kirche hin. Von einem alten hölzernen Altar sind drei Altarschreinfiguren erhalten, wahrscheinlich aus der Zeit gegen Ende des 15. Jahrhunderts, welche die Kirchenheiligen Wolfgang, Franziskus und Nikolaus darstellen.
Der Bezug zum heiligen Wolfgang1, der im 10. Jahrhundert als Bischof von Regensburg wirkte und später heilig gesprochen wurde, bestünde, so nach Pfarrer Kleve, wohl in der Erinnerung der Ur-Reichenhainer an ihre ehemals südliche, bzw. südwestliche Heimat. Und die Figur des heiligen Franziskus, unverkennbar als hölzernes Ebenbild des berühmten Klostergründers Franziskus von Assisi2 mit Armenhemd und Tonsur, gehe möglicherweise auf die Gründung des damaligen Franziskanerklosters3 in Chemnitz zurück, die als städtische Antwort auf das Bergkloster der Benediktiner auf dem heutigen Schloßberg erfolgte. Der dritte im Bunde - der Freund der Kinder in der Vorweihnachtszeit, der heilige Nikolaus, der auf den legendären Nikolaus von Myra4 zurückgeht, auf den Wundertäter und Heilsbringer aus dem 3. Jahrhundert.
Der heutige Altar aus der Zeit des Kirchenbaus aus dem 18. Jahrhundert ist ein Kanzelaltar im sogenannten Bauernbarockstil, mit schönen Schnitzarbeiten, die in der ursprünglichen Farbgestaltung und mit Blattvergoldung vor Jahren restauriert worden sind. Außerdem wird der schlicht gehaltene sakrale Innenraum von einem kunstvollen Deckenleuchter in flämischer Gestaltung geschmückt.
Zu den weiteren Kostbarkeiten gehören ein alter, silberner Abendmahlsteller, der die Jahreszahl 1721 trägt und heute noch in Gebrauch ist sowie eine uralte Bibel, die aus dem Jahr 1652 überkommen ist, aus jener Zeit, in der die Wirren und Schrecknisse des Dreißigjährigen Krieges gerade mal an Reichenhain vorbei gegangen waren. Davon berichtete Pfarrer Kleve ebenfalls, von den Nöten und Drangsalen, welche die Dorfbewohner erlitten und von den Aufzeichnungen in den alten Kirchenbüchern. So steht geschrieben, dass im Jahr 1532 die Pfarrstelle nicht besetzt war, die Pest wütete im Lande. Nur noch zwei Güter waren bewohnt.
Oder 1642 - den Reichenhainern bleibt zu Ende des Dreißigjährigen Krieges nichts anderes mehr übrig, als vor den marodierenden Kaiserlichen und Schweden zu flüchten.
1772 war auch ein jammervolles Jahr - im Kirchenbuch ist das durch ziemlich hohe Todesfälle zu belegen. Mißernten drei Jahre in Folge, Hungersnot und Teuerung. Schwachheit und fiebrige Erkrankungen rafften ganze Familien dahin. Und dann auch der "unerhörte Vorfall", wie die Reichenhainer Bauern im Jahr 1790 unter Führung des damaligen Lehnrichters Carl David Eichler sich den Frondiensten für die Grundherrschaft derer von Einsiedel verweigerten, was dem Reichenhainer Lehnrichter Festungshaft in Torgau eingebracht hatte.
Die Gäste der Veranstaltung erfuhren auch Interessantes über die Schicksale der Kirchenglocken. Die älteste, 1575 in Freiberg gegossen, hat zum Glück ihre Deportation nach Hamburg während des Zweiten Weltkrieges heil überstanden, sie erlitt zur Freude der Reichenhainer nicht das Schicksal wie so viele andere ihrer Schwestern, die eingeschmolzen und als Kriegswaffenmaterial mißbraucht worden sind. Sie kann sich heute rühmen, eine der ältesten noch erhaltenen Glocken hier im Chemnitzer Raum zu sein. 1985 bekam sie dank einer ansehnlichen Spende eines Kirchgemeindemitglieds eine neue Schwester, die damals in Apoldas berühmter Glockengießerei hergestellt worden ist.
Dann erinnerte Pfarrer Kleve noch an seine Vorgänger im Amte und gab eine Geschichte über den Seelenhirten Pfarrer Georg Quell zum Besten, der als recht leutselig bekannt war. Die Geschichte über die sonderbare "Skat-Predigt", eine sowohl humorvolle wie auch belehrende Anekdote aus Reichenhains Vergangenheit, wurde mit Schmunzeln und Beifall der Gäste aufgenommen.
Danach gab es die Gelegenheit, das Kircheninnenleben genauer zu besichtigen, zum Beispiel das beeindruckende Dachgestühl und der Turmaufgang, wo man einen Blick auf das Geläut richten konnte, das Tag für Tag ansagt, was in Reichenhain die Stunde geschlagen hat.
Danach bot der Vorstand des Heimatvereins die erste Auflage des Reichenhainer Kalenders an, die auf das Jahr 2006 geht und vielleicht den Anfang einer neuen Tradition markiert. Dies ist eine sehr schöne Aufmerksamkeit, so die einhellige Meinung, die der Heimatverein den Reichenhainern zum Mitnehmen verabreicht hat.
Am Abend bat DJ Micha wieder einmal zum Tanz, zur alten Tradition des Kirmes-Tanzes, in die Gaststätte Reichenhain. An die - oder auch über - 70 (siebzig!) Interessenten soll es gegeben haben. Und die Tanzwütigen hätten viel Spaß dabei gehabt. Den Wirt, der auch den Vorstand des Heimatvereins immer freundlich beherbergt, wird's gefreut haben....
Ein Bericht von Dr. Gerlinde Erxleben
Hier die Bilder zum Tage:
Eine Chronik zur Kirche Reichenhain präsentiert auch die Internetseite der Christuskirche
Anmerkungen zum Text:
1 Wolfgang - Bischof, * 924 in Pfullingen in Württemberg (?), + 31. Oktober 994 in Pupping bei Eferding in Oberösterreich
Patron von Bayern und Regensburg; der Hirten, Schiffer, Holzarbeiter, Köhler, Zimmerleute, Bildhauer, unschuldig Gefangenen; des Viehs; bei Schlaganfällen; gegen Gicht, Lähmung, Fußleiden, Ruhr, Hauterkrankungen, Hautentzündungen ("Wolf"), Blutfluss, Schlaganfall, Augenkrankheiten und Unfruchtbarkeit, Missgeburten - aus "Ökumenisches Heiligenlexikon", Stuttgart, 2004
2 Franz von Assisi - Ordensgründer, * 1181 oder 82 in Assisi, + 3. Oktober 1226 daselbst
Patron von Italien und Assisi; der Armen, Lahmen, Blinden Strafgefangenen und Schiffbrüchigen; der Weber, Tuchhändler, Schneider, Kaufleute, Flachshändler, Tapetenhändler, Sozialarbeiter; der Sozialarbeit und des Umweltschutzes; gegen Kopfweh und Pest - aus "Ökumenisches Heiligenlexikon", Stuttgart, 2004
3 Gegründet innerhalb der Stadtmauern zu Ende des 15. Jahrhunderts, nach der Säkularisation verfiel es und an seiner Stelle wurde im 18. Jahrhundert die St. Pauli-Kirche gebaut, in der Bombennacht vom 5. März 1945 zerstört
4 Nikolaus von Myra - Metropolit von Myra, Wundertäter, * um 280/286 in Patara in Lykien, heute ein Ruinenfeld bei Kalkan (?), + zwischen 345 und 351 in Myra, dem heutigen Kocademre bei Kale
Patron von Russland, Lothringen; von Bari und Trani in Apulien; der Kinder, der Schüler, Mädchen, Jungfrauen und alten Menschen, der Ministranten, Feuerwehr, der Pilger und Reisenden, der Zigeuner, der Gefangenen; der Apotheker, Richter, Rechtsanwälte und Notare, Kaufleute, Bäcker, Müller, Korn- und Samenhändler, Metzger, Bierbrauer, Schnapsbrenner, Wirte, Weinhändler, Fassbinder, Parfümhersteller und - händler, Fährleute, Schiffer, Matrosen, Fischer, Flößer, Brückenbauer, Bauern, Weber, Spitzen- und Tuchhändler, Steinmetze, Steinbrucharbeiter, Knopfmacher, Kerzenzieher, der Diebe und Verbrecher; für glückliche Heirat und Wiedererlangung gestohlener Gegenstände; gegen Wassergefahren, Seenot, Diebe - aus "Ökumenisches Heiligenlexikon", Stuttgart, 2004
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